3 typische Denkfehler, die dir das Leben schwer machen

Denkfehler – das sind Verzerrungen der Wahrnehmung, die das Leben unnötig erschweren.

Mir scheinen mindestens 3 Denkfehler heutzutage sehr verbreitet zu sein:

Radikale Verallgemeinerung

Häufig werden Dinge, die tendeziell wahr und nützlich sind, als “immer und ausnahmslos” wahr mißverstanden.

Ein weitverbreitetes Beispiel ist die Annahme, dass das, was wir in anderen verurteilen, nur etwas ist, was wir in uns selbst nicht sehen wollen.
Das ist ein durchaus wichtiges und richtiges Konzept – nur ins Extrem getrieben wird es unsinnig – denn wenn wirklich alles, was uns an anderen stört, eine Projektion ist, dann ist jede Form von Differenzierung, Beurteilung und Wertigkeit unmöglich und wir bewegen uns unterscheidungs- und orientierungslos umher.

Eine weiterer grassierender Denkfehler dieser Art ist die Radikalisierung von Sätzen wie “Alles ist Ansichtssache” “Alles ist subjektiv” “Alles ist relativ” “Alles ist individuelle Meinung”.

Natürlich ist subjektives Erleben Ansichtssache und natürlich ist die Art, wie ich etwas wahrnehme, eine Frage der Perspektive.

Wenn ich dies aber radikalisiere, dann würde das bedeuten, dass es gar keine Wahrheiten gibt, keine grundmenschlichen Tendenzen, keine Tatsachen – dann wird alles gleich wahr oder unwahr, gleich bedeutend oder egal – und dann kommen wir in dem an, was der Philosoph Ken Wilber “Flachland” nennt (und der Film Matrix “Die Wüste des Wirklichen”):
Einer Welt, in der es keine Gültigkeiten und Wichtigkeiten mehr gibt, in der sich Wert und Wahrheit entziehen, und in der letzten Endes alles “scheißegal” ist.

Und natürlich gibt es die üblichen radikalen Verallgemeinerungen:

Nicht nur für einfach gestrickte Gemüter werden ein paar islamisch motivierte Terroristen gleich zu “dem Islam” und “den Muslimen” verallgemeinert.
Das ist offenkundig so falsch, das es falscher nicht mehr geht – und doch fallen wir alle immer wieder auf ähnliche Verallgemeinerungen herein.

Daher gilt es, für diesen Denkfehler wach zu bleiben.

Im Umkehrschluss gilt aber auch:

Allzuoft wird auch der Anspruch verallgemeinert, dass es keine Verallgemeinerungen geben darf.

Denn natürlich gibt es de facto zwar nicht “den Islam” oder “die Frau”, wohl aber so etwas wie z.B. typische Tendenzen einer Kultur, typische Eigenschaften eines Geschlechts – die zwar nicht für alle und jeden gelten, aber durchaus eben eine “typische Tendenz” erkennen lassen.

Wenn wir das “nicht verallgemeinern” radikal verallgemeinern, und noch nicht einmal mehr von Tendenzen und Typologischem sprechen können, dann berauben wir uns der Fähigkeit zu Diskussion und Diskurs, zumal wenn es um die Diskussion gesellschaftsrelevanter Themen geht.

Was uns zum 2ten typischen Denkfehler führt:
 

Undifferenzierte Übertragung auf andere Kontexte

Ein typisches Beispiel für diese Art Denkfehler ist die Übertragung von Individuellem auf Kollektives.

Wenn jemand z.B. die Erfahrung macht, dass das Lieben und Annehmen anderer Menschen in seinem Umfeld  zu größerer Harmonie führt, dann wird daraus in spirituell angehauchten Zirkeln nicht selten die Annahme, dass die Lösung für alle gesellschaftlichen Probleme die unterschiedslose Liebe zu allen Menschen sei.

(Es gibt sogar ganze philosophische Systeme, die auf diesem Grundgedanken aufbauen, wie z.B. das des antiken chinesichen Denkers Mo Tzu, der universelle Liebe als die Lösung aller sozialen Probleme ansah.)
Der Denkfehler liegt hier in der undifferenzierten Umformatierung von kleineren Kontexten auf größere Kontexte – was im Kleinen funktionert, funktioniert noch lange nicht im Großen.

Die Idee unterschiedlsoer Liebe wird bezogen auf Gesellschaften zur Utopie.
Nicht nur werden hier wichtige individuelle Unterschiede wie die bevorzugte Liebe zu Familienmitgliedern negiert, auch folgt man der romantischen Fehlannahme, alle Mitglieder einer Gesellschaft seien in gleichem Maße entwickelt und zu unterschiedsloser Liebe und  Annahme aller Menschen fähig und v.a. willens.

Schon Konfuzius wusste davon:

Gefragt, ob wir unsere Feinde lieben sollten, antwortete er:
“Keineswegs. Beantworte Hass mit Gerechtigkeit, und Liebe mit Gutherzigkeit. Andernfalls verschwendest Du deine Gutherzigkeit.”

Und um noch ein Beispiel anzuführen:

Ein Großteil der “The Secret” und “Gesetz der Anziehung”sfanatiker erliegt m.E. einem Denkfehler dieser Art.

Als “Beweis” für das Gesetz der Anziehung wird gerne die Quantenphysik ins Feld geführt:
Im diesem Bereich der kleinsten Elemente des Wirklichen scheint sich alles nach dem Beobachter und seinem Fokus zu richten und zudem nicht ortsgebunden (non-lokal) miteinander in Verbindung zu stehen.

Der Denkfehler besteht nun darin, diese Theorie der kleinsten und feinen Elemente auch undifferenziert auf die größten und groben Elemente zu beziehen und zu glauben, durch reines Denken könne man den Rolls Royce vor der Tür materialisieren – und zwar nur weil ICH es so wünsche…

Was uns zum dritten Denkfehler führt:
 

Exzessive Personalisierung


Es ist ohne allzuviel Mühe zu beobachten:
Wir leben in einer Narzissmuskultur, in der eine Tendenz besteht, alles auf sich zu beziehen.

Zwar ist es wichtig und richtig, nach der eigenen Beteiligung und Verantwortung am Geschehen zu fragen und ein gewisses Maß an Selbsterfoschung zu betreiben – nur wird allzuhäufig exzessive Nabelschau und extreme Personalisierung daraus.

Wie oft kannst DU dich am Tag dabei ertappen, Dinge, die andere sagen, auf dich zu beziehen, auch wenn sie mglw. gar nicht so gemeint sind?

Auch soziale Netzwerke wie z.B. Facebook sind ein geeignetes Feld, um diesen Denkfehler zu beobachten:

Ich persönlich veröffentliche dort nicht selten Zitate, stelle Fragen zur Diskussion oder teile einfach mit, welche Musik ich gerade höre.

Und nicht selten kommt es dazu, dass ich gefragt werde, ob ich gerade traurig sei oder ein Problem mit meiner Frau habe – nur weil sich das Zitat (z.B. von Goethe) um ein solches Thema dreht.

Oder jemand fühlt sich angegriffen und bringt mein Zitat mit einem früheren Kommentar seinerseits in Verbindung (den ich längst vergessen hatte…).

Es lohnt sich daher, dich öfter statt “Was hat das mit mir zu tun?”, auch zu fragen “Könnte das gar nichts mit mir zu tun haben?”
Denn das erleichtert so einiges…

Ohne Zweifel werden einige Leser, die diesen Beitrag bis hierher gelesen haben (und auch solche, die ihn nicht bis hierher gelesen haben), der Meinung sein, das die Berücksichtigung solcher Denkfehler im Alltag das Leben nicht leichter, sondern schwerer macht.
Diesem Einwand stimme ich vollkommen zu und zitiere zu meiner Entlastung mal wieder den Dichter Paul Celan:

“Schwerer werden, leichter sein.”

Alles Liebe

Niels Koschoreck

Sei Du Selbst. Nur besser.
http://www.nielskoschoreck.de

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2 Responses to “3 typische Denkfehler, die dir das Leben schwer machen”

  • edith stuhlpfarrer on October 29, 2010

    Hallo Niels,

    ich lese deinen Artikel mit großem Interesse. Ich hinterfrage für mich, ob solche wie du sagst “Denkfehler” unbedingt Denkfehler sein müssen, oder ob es nicht auch dazu führen kann, aus der Summe der gemachten negativen Feed backs durch unsere Denkmuster Verhaltensänderungen zu erreichen?

    Ich nehme auch die Überlegung mit herein, dass solche Denkfehler entwicklungsbedingte und sozi-kulturelle Parameter beinhalten könnten.
    So habe ich immer wieder die Beobachtung bei Jugendlichen machen können, dass die Erfahrung nicht erwünschten Verhaltens zunächst häufig in die radikale Verallgemeinerung geschleust wird.
    Bsp: Ein Student erfährt, dass seine Arbeit negativ ausgefallen ist. Statt zu analysieren wird zunächst häufig der/die ProfessorIn zur Verantwortung gezogen, ungerecht zu s e i n. In weiterer Folge ist die Gefahr gegeben, dass die Radikalisierung sich auf das gesamte sozi- kulturelle Umfeld ausdehnt. ” Alle ProfessorInnen sind ungerecht, das Bildungssystem ist ein Scheiss… alle PolitikerInnen sind für A+F…

    Und ich frage mich: Ist es überhaupt möglich, auf einer bestimmten Entwicklungsstufe von Menschen soweit objektive Urteile erwarten zu können, dass daraus ein sachlicher Diskurs entsteht, wo weder radikale Verallgemeinerung, noch undifferenzierte Übertragung auf andere Kontexte, noch exzessive Personalisierung bestimmend ist?

    Ich danke dir herzlich für die geistigen “Vitaminstösse” und wünsche dir noch einen erfolgreichen Tag.

    edith

  • Niels Koschoreck on October 29, 2010

    Liebe Edith,

    vielen Dank für deinen ausführlichen Kommentar!

    Ich gabe dir recht, dass diese “Denkfehler” auch eine notwendige Seite haben, was Entwicklung angeht und auch abhängig sind von der jeweiligen Entwicklungsstufe.

    Ich glaube zudem, dass niemand im Alltag ganz und vollkommen frei ist von diesen Denkfehlern – das ist vielleicht auch nicht nötig, aus eben dem grund, den Du schilderst.

    Mit geht es eher um die Wachheit für die Formen, die unser Denken annimmt und wie wir dadurch unsere Welt filtern – und dass wir durch die Art dieser Filter es uns manchmal recht schwer machen oder bessere Lösungen verunmöglichen.

    Alles Liebe

    Niels

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